Deutsch-französische Gedenkfeier zum Volkstrauertag in Andilly

(19.11.2017) Anlässlich des Volkstrauertags veranstaltet der Volksbund Nordbaden jedes Jahr eine deutsch-französische Gedenkfeier auf der Kriegsgräberstätte bei Andilly in Lothringen. In diesem Jahr war ich als Gastrednerin eingeladen. Die grenzüberschreitende Feier stand ganz im Zeichen von Frieden und Völkerverständigung, wie alle Redner*innen betonten. Ich bedanke mich für viele wertvolle Begegnungen und gute Gespräche mit Angehörigen der in Andilly beigesetzten Kriegsopfer, mit Franzosen und Französinnen aus Andilly, mit Vertreter*innen des Volksbunds sowie mit Verantwortlichen aus Politik und Verwaltung.
Bettina Lisbach

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Meine Rede am 19.11.2017 auf dem Kriegsgräberfriedhof in Andilly:

Sehr geehrte Damen und Herren,

wie jedes Jahr, gedenken wir am Volkstrauertag der Opfer von Krieg und Gewalt. Es ist für mich heute eine besondere Ehre, diese Gedenkfeier zusammen mit Ihnen in Frankreich zu erleben.

Im Frühjahr besuchte mich Herr Schütze vom Volksbund Nordbaden in meinem Karlsruher Abgeordneten-Büro. Dabei kamen wir auch auf die französisch-deutsche Gedenkfeier in Andilly zu sprechen. Mich hat sehr beeindruckt, dass Franzosen und Deutsche hier jedes Jahr zusammenkommen, um gemeinsam der Opfer des zweiten Weltkrieges zu gedenken.

Eine solche Gedenkfeier, die nationale Grenzen überwindet, gibt dem Volkstrauertag eine ganz besondere, eigene Bedeutung. Und deshalb bin ich heute sehr gerne zu Ihnen nach Andilly gekommen, um mit einem Grußwort zu der Gedenkfeier beizutragen.

Die Gräberstätte in Andilly ist ja die größte deutsche Kriegsgräberstätte des zweiten Weltkriegs in Frankreich. Sie ist ein Mahnmal, das die Erinnerung an Schrecken und Elend des Krieges wachhält. Und sie erinnert uns daran, wie kostbar der Frieden ist.

Viele Mitglieder und Förderer tragen zur Pflege und Erhaltung der Anlage in Andilly bei. Junge Menschen aus ganz Europa kommen an diesen Ort und unterstützen im Rahmen von Jugendcamps die Pflege dieser Stätte. Hier werden Brücken der Verständigung gebaut. Hier wird Arbeit für den Frieden geleistet. Das eröffnet Perspektiven für die Zukunft. Das gibt uns Trost und Hoffnung auch an einem Tag der Trauer wie dem heutigen.

Am Volkstrauertag treffen sich fast überall in Deutschland Menschen, um der Kriegstoten zu gedenken. Dabei ist der Volkstrauertag kein rückwärtsgewandtes, aus der Mode gekommenes Ritual. Mit den Gedenkfeiern wollen wir vielmehr gemeinsam ein Zeichen setzen für Frieden, Einigkeit und Menschenrechte. Wir wollen daran erinnern, dass Frieden keine Selbstverständlichkeit ist, dass Frieden der täglichen Arbeit und der Beziehungspflege bedarf. Dies gilt nicht nur im Privaten, es gilt ganz besonders auch für den Frieden zwischen Völkern und Staaten.

Heute ist uns sehr bewusst, dass wir Deutschen hier in einer ganz besonderen historischen Verantwortung stehen. Doch prägte in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem der Schmerz über den Verlust der eigenen Angehörigen das Gedenken. Erst allmählich reifte die Einsicht, dass in diese Trauer auch die Toten der ehemaligen Gegner einzubeziehen sind.

Ein weiterer Schritt der Aufarbeitung bestand darin, dass viele Deutsche sich eingestehen mussten, dass ihre Angehörigen für ein menschenverachtendes, verbrecherisches Regime gestorben sind. Wir mussten erkennen, dass oft auch einfache Soldaten tief in die Verbrechen des Nationalsozialismus verstrickt waren.

Auch muss sich die deutsche Gesellschaft bis heute mit dem bedrückenden Wissen auseinandersetzen, dass Menschen im Krieg und unter Gewaltherrschaft schreckliche Untaten ausübten. Nicht immer taten sie das unter Zwang. Teilweise wurden Gewalttaten mit einer unfassbaren Gefühllosigkeit und mit einer unmenschlichen, ja menschenverachtenden Konsequenz ausgeübt.

Die schwierige Aufarbeitung unserer Vergangenheit beschäftigt uns in Deutschland weiter. Das Geschehene verstört uns zutiefst. Und es bleibt für uns bis heute in vielerlei Hinsicht unbegreiflich. Doch hat uns die ehrliche Auseinandersetzung mit unserer Geschichte auch Chancen eröffnet.

Es ist uns heute möglich und es ist für uns auch existenziell wichtig, über den nationalen Tellerrand hinauszuschauen. Erinnerung und Gedenken sind für uns immer auch Anlass, den Dialog zu suchen. Wir erleben es als Bereicherung, uns über nationale Grenzen hinweg mit unseren Nachbarn auszutauschen und zu verständigen. Und so beschränken sich unsere Trauer und unser Gedenken am Volkstrauertag seit langem nicht mehr nur auf die eigenen Angehörigen.

Wir trauern um alle Menschen, die durch Kriegshandlungen oder als Gefangene, Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren. Wir trauern um diejenigen, die aus Rassismus getötet wurden. Und wir gedenken all derjenigen, die ums Leben kamen, weil sie sich der Gewaltherrschaft widersetzt haben. Wir trauern um die Opfer von Gewalt und Krieg, um Kinder, um Frauen und um Männer aller Völker.

Wir trauern auch um die Opfer der Kriege und kriegerischer Auseinandersetzungen die bis heute stattfinden. Wir gedenken der Opfer von Terrorismus und Fremdenfeindlichkeit.

Denken wollen wir auch an all die Menschen, die bei uns in Europa Zuflucht suchen und allzu oft auf der Flucht sterben. Viele Geflüchtete haben Angehörige verloren oder im Krieg zurücklassen müssen. Viele haben traumatische Erlebnisse zu bewältigen und brauchen unseren Schutz.

Auch deshalb dürfen wir nicht bei Trauer, Schmerz oder gar Resignation stehenbleiben. Es liegt in unserer gemeinsamen Verantwortung, uns für Frieden und Menschenrechte einzusetzen. Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, den Frieden zu bewahren.

Frieden bewahren – das gilt auch für Europa. Heute sind wir in Europa in einer Union des Friedens vereint. Das ist eine großartige Errungenschaft, für die wir unendlich dankbar sind.
Doch ist das friedliche Miteinander auch in Europa heutzutage keine Selbstverständlichkeit mehr. Zwar herrscht bei uns heute kein Krieg. Doch immer wieder erschüttern uns Terror und Gewalt.

Gleichzeitig geben wachsender Rechtspopulismus und Nationalismus Anlass zur Sorge. Allzu oft wird das Projekt der europäischen Einigung gerade von diesen politischen Gruppierungen und Strömungen leichtfertig in Frage gestellt.

Der Volkstrauertag ruft uns deshalb auch in Erinnerung, dass die europäische Einigung ein grandioses Friedensprojekt ist. Wir brauchen eine europäische Kultur, die den Frieden und die Menschenrechte wahrt.

Der Volkstrauertag lässt uns in Trauer zurückblicken. Vor allem aber richtet er unseren Blick in die Zukunft. Frieden ist nicht selbstverständlich. Es gilt, uns gemeinsam für Frieden und Menschenrechte in Europa und in aller Welt zu engagieren. Lassen Sie uns gemeinsam an einer friedvollen Zukunft arbeiten.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.
Bettina Lisbach
Andilly, 19. November 2017

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Mesdames et Messieurs,

Mesdames et Messieurs, comme chaque année, le Volkstrauertag – le Jour de Deuil national – nous nous souvenons des victimes de la Guerre et de la violence. Pour moi, c’est un honneur tout particulier de pouvoir participer au-jourd’hui à cette cérémonie commémorative en France.

Monsieur Schütze du Volksbund Nordbaden est venu me voir au printemps dans mon Bureau de députés à Karlsruhe. En cours de notre discussion nous avons abordé aussi le sujet de la commémoration franco-allemande en Andilly. Ce qui m’a vraiment impressionné, c’est que les Français et les Allemands viennent chaque année ici pour commémorer ensemble le souvenir des victimes de la Seconde Guerre mondiale.

Une telle commémoration, qui dépasse les frontières nationales, donne à ce Jour de Deuil national une signification très particulière et importante. Et c’est pourquoi je suis très heureuse d’être venue aujourd’hui à Andilly et de pouvoir prononcer quelques mots en tant que contribution à cette commémoration.

Le Cimetière militaire d’Andilly est en effet le plus grand cimetière militaire allemand de la Seconde Guerre mondiale en France. C’est un mémorial visant à maintenir le souvenir des horreurs et de la misère de la guerre. Et cela nous rappelle une fois de plus, combien la paix est précieuse.

De nombreux membres et sponsors contribuent à l’entretien et à la préservation du Cimetière militaire allemand d’Andilly. Les jeunes de toute l’Europe viennent ici pour aider à entretenir ce site. Ici, on construit les ponts pour la compréhension mutuelle. Ici, on travaille pour la paix. Cela offre des perspectives d’avenir. Cela nous donne du réconfort et de l’espoir même un jour comme aujourd’hui, un jour de deuil.

Le Jour de Deuil national des gens se rassemblent un peu partout en Allemagne pour commémorer le souvenir des victimes de guerre. Cependant ce jour-là n’est pas un rituel tourné vers le passé, ni un rituel passé de la mode. Au contraire, les cérémonies commémoratives nous servent à lancer ensemble un signal fort pour la paix, l’unité et les droits des hommes. Nous voulons rappeler que la paix est loin d’aller de soi, que pour construire la paix il faut un travail quotidien et un entretien actif des relations. Cela ne se limite pas au domaine privé, cela vaut tout particulièrement pour la paix entre les peuples et les états.

Aujourd’hui, nous sommes pleinement conscients du fait que nous, les Allemands, avons une responsabilité historique tout particulière. Pourtant c’était surtout la douleur provoquée par la perte de membres de famille qui a marqué la mémoire dans les premières décennies après la Seconde Guerre mondiale. C’est seulement au fil du temps que les Allemands comprenaient plus clairement qu’il fallait inclure les morts des anciens adversaires dans ce deuil.

Une étape de plus du traitement du passé consistait à reconnaître, de la part de nombreux Allemands, que leurs proches étaient morts pour un régime criminel qui méprisait les hommes. Il fallait reconnaître que souvent même de simples soldats étaient profondément impliqués dans les crimes du Nationalsocialisme.

Jusqu’à aujourd’hui la société allemande doit aussi faire face au fait boule-versant que, en temps de guerre et sous la tyrannie, des gens commettaient de terribles atrocités. Ils ne les faisaient pas toujours sous la contrainte. En partie, ils perpétraient des actes de violence avec un manque d’émotion inconcevable et une rigueur inhumaine.

Pour nous, les Allemands, le traitement de notre passé est difficile et continue à nous occuper. Le passé nous bouleverse profondément. Et à bien des égards, ça reste pour nous incompréhensible. Cependant, l’analyse honnête et ouverte de notre passé a aussi créé des opportunités pour nous.

Nous sommes aujourd’hui en mesure de regarder au-delà des frontières nationales ce qui revête une importance capitale pour nous. Le souvenir et la commémoration restent une raison de chercher le dialogue. Dans nos yeux, c’est un grand privilège de communiquer avec nos voisins, par-delà des frontières nationales, et de s’entendre.

Et c’est ainsi que depuis longtemps, le Jour de Deuil national, notre deuil et notre commémoration ne se limitent pas seulement aux membres de nos familles.

Nous sommes en deuil pour tous les hommes qui, à la suite des faits de guerre ou en tant que prisonniers, personnes déplacées ou réfugiés ont trouvé la mort. Nous pleurons pour ceux qui ont été assassinés à cause du ra-cisme. Et nous nous souvenons de ceux qui perdaient la vie parce qu’ils s’opposaient à la tyrannie. Nous portons le deuil pour les victimes de violence et de guerre, pour les enfants, les femmes et les hommes de tous les peuples.

Nous pleurons aussi pour les victimes de guerre et de conflits armés qui ont lieu jusqu’à nos jours. Nous pensons aux victimes du terrorisme et de la haine contre les étrangers.

Laissez-nous penser également à toutes les personnes qui cherchent refuge chez nous en Europe, et qui, dans beaucoup trop de cas, meurent pendant leur fuite. Beaucoup des réfugiés ont perdu leurs proches ou devaient les laisser en arrière. Beaucoup d’eux doivent surmonter les événements traumatiques et ont besoin de notre protection.

C’est aussi une raison pour ne pas rester dans la tristesse, dans la douleur ou même dans la résignation. Il est de notre responsabilité commune de s’engager pour la Paix et les Droits de l’homme. Et c’est notre devoir commun de préserver la Paix.

Préserver la Paix – cela est vrai aussi pour l’Europe. Aujourd’hui, en Europe, nous sommes réunis dans une union de la paix. C’est une belle réussite pour laquelle nous sommes infiniment reconnaissants.

Mais la coexistence pacifique en Europe, à nos jours, n’est plus une évidence. Certes, actuellement, il n’y pas de guerre chez nous. Mais encore et encore nous sommes secoués par des actes terroristes et par la violence.

En même temps, le populisme de droite et le nationalisme augmentent, ce qui est une raison pour s’inquiéter. Trop souvent, le projet de l’unification eu-ropéenne est remis en question par ces groupes et mouvements politiques de manière irréfléchie.

Le Jour de Deuil national nous rappelle donc aussi que l’Union Européenne est un projet de paix magnifique. Nous avons besoin d’une culture euro-péenne, une culture qui permet de préserver la Paix et les Droits de l’homme.

Au Jour de Deuil national, d’une part, nous regardons en arrière dans un état de deuil. Mais ce Jour nous dirigeons surtout notre regard vers l’avenir. La paix ne va pas de soi. C’est nous tous, qui, ensemble, devions nous engager pour la Paix et les Droits de l’homme en Europe et dans le Monde entier. Joignons nos forces pour créer un avenir pacifique.

Mesdames et Messieurs, je vous remercie de votre attention.

Bettina Lisbach,
Andilly, le 19 novembre 2017

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Weitere Informationen zur Kriegsgräberstätte in Andilly und zum Volkstrauertag unter:

http://www.volksbund.de/kriegsgraeberstaette/andilly.html

http://www.volksbund.de/volksbund-volkstrauertag.html

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