Strahlenbelastung durch freigegebene Abfälle

(31.08.2017) In einem aktuellen Antrag beschäftige ich mich zusammen mit meinen Kolleg*innen des AK Umwelt der GRÜNE-Landtagsfraktion mit dem Thema Strahlenbelastung durch freigegebene Abfälle. Darin bitten wir die Landesregierung um eine ausführliche Stellungnahme zum Verfahren der Freigabe, zu den zugrundeliegenden Grenzwerten und zu einer Einschätzung hinsichtlich der Belastungen für die Bevölkerung.

Der Umgang mit Abfällen aus stillgelegten Atomkraftwerken ist eine der großen Herausforderungen, die sich mit dem Ausstieg aus der Atomenergie in Deutschland stellen. Das Konzept der Freigabe von Abfällen aus Atomanlagen unter Zugrundlegung des 10-Mikrosievert-Konzepts löst bei vielen Menschen in den betroffenen Regionen und Landkreisen Ängste und Unbehagen aus. Auch haben öffentliche Äußerungen von Vertreterinnen und Vertretern der Landesärztekammer zu kontroversen Diskussionen geführt.

Der Antrag soll zur Aufklärung und Transparenz hinsichtlich der Deponierung freigegebener Abfälle beitragen. In diesem Zusammenhang stellt sich insbesondere die Frage, wie die Gefahren der zu erwartenden zusätzlichen Belastungen durch Deponierung freigegebener Abfälle aus rückgebauten Atomanlagen einzuschätzen sind. Dabei sind auch die sonstigen Strahlenbelastungen, denen die Bevölkerung in Deutschland ausgesetzt ist (allgemeine Hintergrundbelastung, Strahlenbelastung durch medizinische Eingriffe, Flugreisen, natürliche Gesteine u. a.) zu betrachten sowie neueste wissenschaftliche Erkenntnisse heranzuziehen.

Aus der Antwort der Landesregierung ergeben sich folgende zentrale Aussagen:
– die Bedingungen für die Freigabe sind sehr streng: Für Einzelpersonen der Bevölkerung kann maximal eine effektive Dosis von 10 Mikrosievert pro Jahr (unter den maximal ungünstigsten Umständen) auftreten.
– das 10-Mikrosievert-Konzept der Strahlenschutzverordnung basiert auf Empfehlungen der Internationalen Strahlenschutzkommission. Das Umweltministerium ist hier an geltendes Recht gebunden. Laut Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) erhält jede*r Bürger*in im Mittel eine Dosis von 2.100 Mikrosievert pro Jahr aus der natürlichen Strahlenexposition. Hinzu kommt eine durchschnittliche zivilisatorische Strahlenexposition (zum Beispiel Forschung, Technik und Röntgen) von 1.700 Mikrosievert. Der größte Beitrag zur zivilisatorischen Strahlenexposition der Bevölkerung wird durch die medizinische Anwendung radioaktiver Stoffe und ionisierender Strahlung, insbesondere durch die Röntgendiagnostik, verursacht.
– Das Gutachten des Öko-Instituts zu dem 2016 erlassenen Moratorium des Umweltministeriums für die Deponierung freigegebener Abfälle belegt ebenfalls, dass die Dosis von 10 Mikrosievert im Jahr für Einzelpersonen der Bevölkerung auch in allen früher nicht betrachteten Fällen der Nachnutzung (inkl. Wohnen und Landwirtschaft) eingehalten bzw. deutlich unterschritten wird. Angesichts der um den Faktor 210 höheren natürlichen Strahlungsexposition wird die sehr geringe zusätzliche Belastung für vertretbar gehalten.
– Der Verzicht auf eine Freigabe würde andere Probleme der Lagerung nach sich ziehen und die Lösung des Atommüll-Problems auf kommende Generationen verschieben.
– Die Landesregierung sieht beim Schutz vor dem natürlich vorkommenden Radon-222 die größten Möglichkeiten für eine deutliche Reduktion der Strahlenexpositionen der Bürgerinnen und Bürger.

Mein Kommentar:

„Alle Menschen sind im Laufe ihres Lebens vielfach natürlicher und zivilisatorischer radioaktiver Strahlung ausgesetzt. Es muss also immer das Ziel politischer Steuerung sein, die Belastung für den Einzelnen so gering wie möglich zu halten. Deshalb muss der Ausstieg aus der Atomkraft konsequent weiterverfolgt und umgesetzt werden.
Der Rückbau und die Entsorgung der Abfälle ist eine schwierige Aufgabe, mit der wir im Land verantwortungsbewusst umgehen. Dazu gehört für auch, dass wir das Problem nicht auf nächste Jahrzehnte und kommende Generationen verschieben, sondern heute die Verantwortung für eine dauerhaft sichere Deponierung übernehmen. Das Verfahren der Freigabe gewährleistet hohe Sicherheit und Transparenz sowie ein hohes Maß an Kontrolle zugunsten von Bevölkerung und Umwelt.
Handlungsbedarf sehen wir aber auch bei der Sensibilisierung vor den Gefahren natürlich vorkommender Strahlung. Das radioaktive Edelgas Radon kann abhängig vom geologischen Untergrund und der Bauausführung über Risse und Spalten in Keller und Innenräume gelangen. Es belastet die Bevölkerung mit durchschnittlich 1100 Mikrosievert im Jahr. Nach dem Rauchen ist Radon die zweithäufigste Ursache für Lungenkrebs. Es ist gut und wichtig, dass die Landesregierung eine Informations- und Beratungskampagne zu den Risiken durch Radon und zu möglichen Schutzmaßnahmen sowie landesweite Messungen durchführen wird.“

Die Antwort der Landesregierung im Detail: http://www.landtag-bw.de/files/live/sites/LTBW/files/dokumente/WP16/Drucksachen/2000/16_2438_D.pdf

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