„Tierschutz, Natur- und Artenschutz und moderne Zoopädagogik“

Wir GRÜNE freuen uns über die große Resonanz, die unsere Veranstaltung zur Zukunft des Karlsruher Zoos gefunden hat. Rund 100 Bürgerinnen und Bürger, darunter VertreterInnen der Tier- und Naturschutzverbände, der Zoofreunde, des Gartenbauamts, der BüGa (Bürgergartenschau) sowie der Hochschulen, waren gekommen, um die Vorträge unserer ReferentInnen zu hören und mit uns über die Zukunft des Karlsruher Zoos zu diskutieren.

Als ReferentInnen konnten wir den neuen Karlsruher Zoodirektor Dr. Matthias Reinschmidt, Torsten Schmidt, den Wissenschaftlichen Mitarbeiter des Bundes gegen den Missbrauch der Tiere sowie Dr. Cornelie Jäger, die Landestierschutzbeauftragte der grün-roten Landesregierung Baden-Württemberg, gewinnen.

Grüne Eckpunkte zur Weiterentwicklung des Zoos Bettina Lisbach:

Unsere Fraktionsvorsitzende und Landtagskandidatin Bettina Lisbach wies auf die lange Tradition des Karlsruher Zoos hin und betonte, dass der Zoo und der Stadtgarten in der Beliebtheitsskala bei den Karlsruher BürgerInnen gleichauf liegen. Deshalb soll die bewährte Kombination aus Zoo und Stadtgarten wie bisher bewahrt bleiben.

Sie hob u. a. insbesondere hervor:

• Viele Gehege sind nicht mehr zeitgemäß und entsprechen nicht einmal den Mindestanforderungen des neuen Säugetiergutachtens.
• Jetzt muss eine sorgfältige und langfristige Planung für die nächsten Jahrzehnte stattfinden.
• Unsere grünen Leitlinien dabei sind Tierschutz, Arten- und Naturschutz sowie eine deutliche Stärkung der Zoopädagogik.
• Die Gehege müssen hinsichtlich ihrer Größe, des Klimas, und der Struktur so gestaltet sein, dass die Tiere ihren artgemäßen Bedürfnissen nachkommen und ihr Sozialverhalten ausleben können. Keine Tiere dürfen der Natur entnommen werden.
• Vögel dürfen künftig nicht mehr verstümmelt oder durch Federnstutzen flugunfähig gemacht werden.
• Wo Artenschutz drauf steht, muss auch Artenschutz drin sein. D. h. die Haltung der Tiere muss in Verbindung mit Artenschutzprojekten und – wo möglich – mit Auswilderungsprojekten in die originären Lebensräume der Tiere stehen.
• Zoopädagogik muss vor allem Wissen, Verständnis und die Bereitschaft zum Schutz der Tiere und des Erhalts und der Wiedergewinnung ihrer Lebensräume wecken.
•Unsere Zoofläche ist nicht beliebig erweiterbar. Vorrang vor dem Beibehalten aller Tierarten, vor allem der exotischen Großtierarten, hat die artgemäße Haltung der verbleibenden Tiere.
• Die regionale Kooperation mit anderen Zoos soll ausgebaut werden. Nicht jeder Zoo muss alles haben.
• Der Tierpark Oberwald muss in die Konzeption mehr eingebaut werden.

Tier- und naturschutzrechtliche Vorgaben auf Bundes- und EU-Ebene: Dr. Cornelie Jäger, Landestierschutzbeauftragte
• Sie erläuterte, dass nicht nur das Tierschutzgesetz, das Säugetiergutachten, das Washingtoner Artenschutzabkommen, die Vogelschutzrichtlinie und die EU-Richtlinien für die Tierhaltung zugrunde gelegt werden müssen, sondern vor allem auch das Bundesnaturschutzgesetz.
• Auch die Definition des Zoos ist im Bundesnaturschutzgesetz festgelegt: Für die Genehmigung ist ein Zookonzept mit didaktischem Wert, Pädagogischer Bildung, Forschungsauftrag oder Zucht zur Arterhaltung gefährdeter Arten die Voraussetzung.
• In der Summe ergeben sich dadurch hohe Anforderungen für die Zootierhaltung.

Konzeptionelle Überlegungen und Pläne von Dr. Matthias Reinschmidt

Erfreulicherweise machte Dr. Reinschmidt deutlich, dass er unsere Ziele Natur- und Artenschutz, Tierschutz und Zoopädagogik teilt und sich sehr dafür einsetzen wird. Er hob in seinem Vortrag u. a. folgende Ziele hervor:

• Er führte aus, dass der zoologische Stadtgarten mit 22 ha mitten in der Stadt eine bipolare Anlage mit Zoo und Gartenbauanlage ist.
• Der Lebensraum Wasser (Eisbären, Robben, Pinguine) verfügt über eine relativ neue, zeitgemäße Anlage. Er würde die Zucht gerne wiederbeleben.
• Das Exotenhaus findet er sehr gelungen, sieht aber auch Anpassungsbedarf nach einem Jahr.
• Kurzfristig können durch Erweiterungen und Entfernen von Zäunen Verbesserungen für die Huftiere erreicht werden. Durch die Öffnung der Ställe kann auf das Einsperren der Tiere nachts verzichtet werden.
• Eine Elefantenzucht kommt wegen der fehlenden Flächen nicht mehr infrage. Dagegen unterstützt er eine Tierschutzhaltung, eine Art Elefantenresidenz für beschlagnahmte alte Elefantenkühe, z.B. aus Zirkushaltung. Notwendig dafür ist die Ausweitung der bestehenden Anlage. Das Südamerikahaus müsste dazu aufgegeben werden.
•Am Lauterberg könnte eine Luchshaltung sowie eine Auerhuhnhaltung eingerichtet werden – als Kooperationsprojekt mit dem Nationalpark Nordschwarzwald.
• Die Giraffen brauchen sowohl mehr Innenflächen für einen Laufstall als auch zusätzliche Außenflächen. Das kann durch eine Vergesellschaftung mit den Huftieren erreicht werden.
• Auch die Nilpferde brauchen dringend größere Wasserbecken und mehr Außenbereiche. Die Flamingos sollen deshalb in eine Voliere umgesiedelt werden.
• Dies entspricht auch seinem Ziel, das Flügelstutzen der Flamingos und anderer Wasservögel zu beenden. Für Wasservögel soll eine große Volierenhaltung entstehen.
• Die längst nicht mehr zeitgemäße Schimpansenhaltung soll auslaufen. Die frei werdenden Außen-und Innengehege sollen dann für die Kattas zur Verfügung stehen.
• Herr Reinschmidt setzt sich für Naturschutzprojekte ein. Seine Vision ist ein Tier-Arten-Schutz-Zentrum. Die Tiere übernehmen eine „Botschafterfunktion“ für dieses Projekt ein. So soll die Sensibilisierung für den Schutz der Tiere und die Erhaltung (oder Wiederherstellung) der Lebensräume erfolgen.
• Ein neues Naturschutzprojekt des Zoos ist das Ecuador-Projekt zur Erhaltung der Biodiversität: Wiederaufforstungsprojekt Puntos Verdes.
• Er will die Menschen näher an die Tiere heran bringen u. a. durch direkten Mensch-Tier-Kontakt, z. b. durch „Streichelkängurus“, oder durch Wellensittiche und Papageien zum „anfassen“ (Handfütterung)
• Längerfristig kann er sich die Einrichtung einer Orang Utang Gruppe vorstellen. Diese Tiere sind akut bedroht. (von ursprünglich eine Million Tieren gibt es nur noch rund 35.000 Tiere weltweit). Wegen der fehlenden Fläche würde aus seiner Sicht das Sallenwäldchen dafür gut geeignet sein. Dabei könnte man auch für die negativen Folgen der Palmöl-Monokulturen sensibilisieren.
• Die Löwenhaltung soll nach dem biologischen Ende des der Löwin Safo aufgegeben werden. Das Gehege könnte man für eine Ameisenbärenhaltung nutzen.
• Wenn man weiterhin an Großkatzen festhalten will, bieten sich Tiger an, die ebenfalls zu den bedrohten Tierarten zählen.
• Insgesamt hat der Karlsruher Zoo ein hohes Potenzial für eine bundesweite Spitzenposition als künftiges Artenschutzzentrum.
• Eine Tötung überzähliger Nachzuchten lehnt er ab. Überzählige Nachzuchten sollen präventiv durch Einstellung der Zucht verhindert werden.
• Die Seebühne könnte man für „edukative“ Tierpräsentationen nutzen
• Eingerichtet werden soll eine Schauklinik mit großer Glasfront zum Reinschauen. Dadurch soll mehr „Tansparenz“ und „hinter die Kulissenschauen“ erreicht werden.

Torsten Schmidt erläutere die Tierschutzsicht des BMT:

Neben positiven Ansätzen wie u. a. die angestrebte Beendigung der Flugunfähigmachung von Vögeln, die Stärkung des Natur- und Artenschutzes und die Vergesellschaftung von Tieren in größeren Gehegen, sieht Herr Schmidt auch kritische Punkte beim Karlsruher Zoo:

• Wenn man heute am Zoo festhält, braucht man gute Gründe und muss sich auf die Tierarten beschränken, die man artgerecht im Zoo halten kann.
• Als Beispiel für eine Tierart, die heute nicht mehr in Zoos gehalten werden sollte, nennt er die Eisbären. Ihre Haltung sollte aufgrund, ihres ausgedehnten Wanderverhaltens und ihres Jagdtriebs und der fehlenden klimatischen Verhältnisse aufgegeben werden.
• Die jetzt ins Gespräch gebrachten Verbesserungen bei der Haltung von Großtierarten seien nicht ausreichend. Er nennt u. a. die Nilpferde und die Giraffen, sowie die Elefanten.
• Er hebt allerdings hervor, dass viele der zeitnah geplanten Verbesserungen von ihm positiv bewertet werden.
• Grundsätzlich sollte die Verbesserung der Haltungsbedingungen im Vordergrund stehen, unter Verzicht von Tierarten.
• Wenn man die bedrohte Tierart Orang Utan mit Zuchterhaltungsprogramm im Karlsruher Zoo neu halten möchte, müssen optimale Haltungsbedingungen für diese hoch entwickelte, gelehrige und aktive Menschenaffenart geschaffen werden.
• Dem Zoo fehlt noch ein „erkennbares“ Thema.
• Er bewertet die Kooperation und Unterstützung von Naturschutzprojekten in den Herkunftsländern von bedrohten Tierarten sehr positiv und schlägt vor, zur Finanzierung einen Euro auf den Eintrittspreis zu verlangen.

Es folgte eine angeregte und kontroverse Debatte mit den Gästen unser Veranstaltung: Dabei ging es u. a. um folgende Themen:

• Sollen die Elefanten künftig „hands-on“ oder im „geschützten Kontakt“ gehalten werden?
• Kann die Haltung von Eisbären im Zoo artgerecht erfolgen?
• Reicht das Becken für eine artgemäße Haltung von Robben aus?
• Ist es nicht notwendig, die Zahl der Tierarten sehr stark zu reduzieren, um großzügige Gehege für die übrigen Tiere zu ermöglichen?
• Das Sallenwäldchen soll als Grün- und Klimaschneise zwischen Zoo und Südstadt erhalten bleiben!
• Orang Utans können ohnehin nicht ausgewildert werden. Macht es überhaupt einen Sinn, diese Tiere angesichts der geringen Flächen und der anspruchsvollen Haltungsbedingungen in unserem Zoo zu halten?

Kurzes Resümee und Ausblick der Grünen Gemeinderatsfraktion:

Erstmals haben wir die Gelegenheit gehabt, sehr ausführlich die grundlegende Denkweise und die konkreten Vorstellungen und Ziele von Dr. Reinschmidt durch seinen Vortrag zu erfahren. Dr. Cornelie Jäger und Torsten Schmidt haben mit ihren kritisch-konstruktiven Beiträgen wichtige Denkstöße gegeben. Wir danken allen drei ReferentInnen für ihre guten Vorträge und den Gästen für ihre Diskussionsbeiträge. Fest steht für uns, dass wir die Ideen von Dr. Reinschmidt, für zeitnahe Verbesserungen der Haltungsbedingungen vieler Tierarten, positiv bewerten und unterstützen werden. Auch die Entwicklung in Richtung eines Artenschutz- und Naturschutzzoos mit Naturschutzprojekten sowie einer Ausweitung der Zoopädagogik findet unsere Zustimmung und Unterstützung. Bezüglich der Beibehaltung und Neuanschaffung von Großwildtieren und der Inanspruchnahme des Sallenwäldchens werden wir eine kritische Positionierung vornehmen.

Bericht:
Renate Rastätter

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